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Könige und Kreuze, historische Zusammenfassung

Könige und Kreuze, historische Zusammenfassung2017-11-15T10:21:55+00:00

Einige Fakten der mittelalterlichen Geschichte in Mitteleuropa und des ungarischen Königreiches:  Streifzüge, Landnahme und Aufbau eines Staates

In der romantisch geprägten ungarischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts werden die Streifzüge oft unrealistisch als große Abenteuer („kalandozások“) dargestellt. Doch bis heute wird kalandozások mit den Streifzügen in Verbindung gebracht, die bis weit nach Mittel- und Westeuropa hinein reichten und mit denen die Ungarn damals sehr erfolgreich waren. Wenn man alle heute zur Verfügung stehenden Berichte betrachtet, kann man von mindestens 50 Streifzügen der ungarischen Stämme in der Zeit von 900 bis 970 ausgehen. Die ersten Streifzüge trafen die Nachbargebiete im Westen der ungarischen Stammesgebiete.

Ab 862 tauchten die nomadisierenden Ungarn (Magyaren), die damals noch aus der Region hinter den Karpaten ihre sporadischen Feldzüge im Westen unternahmen, zum ersten Mal im Karpatenbecken auf. Ein zweites Mal fielen sie 881 ein. In diesen beiden Feldzügen unterlagen sie dem Ostfrankenreich. 889 waren die Ungarn erfolgreicher, als sie Mähren und Teile des Ostfränkischen Reiches plünderten. 892 wurden sie von den Ostfranken gegen Mähren angeworben.

Die Ungarn ließen sich erst ab 895/896 im heutigen Ungarn nieder. Sie drangen zunächst 895 in das mittlere und obere Theißgebiet nach Mähren vor. Nördlich und nordwestlich dieses Gebietes war das Gebiet des Neutraer Fürstentums, das Teil von Mähren war, westlich davon die ostfränkischen Herzogtümer Bayern und Franken, die weiterer Expansion Einhalt boten. Auch archäologische Funde lassen die obere Theißgegend als anfängliches fürstliches Siedlungsgebiet vermuten.

Um 900 zogen die Ungarn nach Transdanubien und brachten es unter ihre Herrschaft, wobei ihnen mehrere Ereignisse die Eroberung erleichterten. So starb 894 der mährische Fürst Svatopluk I. Die darauf folgenden Thronstreitigkeiten schwächten sein Reich zunehmend, so dass noch im selben Jahr Mähren nach ungarischen Plünderungen das Gebiet Transdanubiens an das Ostfrankenreich verlor. Der ostfränkische König Arnulf ging mit den Ungarn sogar 892 ein Bündnis gegen die Langobarden unter Guido von Spoleto ein und schlug diese gemeinsam mit ihnen. Als kurze Zeit später auch König Arnulf starb, sahen die Ungarn den richtigen Zeitpunkt für Gebietserweiterungen gekommen. Die Wahl der zu erobernden Gebiete folgte vor allem strategischen Gesichtspunkten, so dass sich die Ungarn hauptsächlich an Gewässern, Flusstälern oder von Sümpfen geschützten Gebieten niederließen. Ein wichtiges Zentrum der ungarischen Stämme befand sich einigen Chroniken zufolge zu dieser Zeit auf der Insel Csepel im mittleren Abschnitt der Donau (ungefähr bei der heutigen Stadt Budapest).

Mit den Schlachten von Brezalauspurc 907 schlugen die Ungarn bayerische Truppen, eroberten bis 955 die östlichen Teile des heutigen Österreichs und zerstörten die Zentralmacht des Mährerreiches. Um 925 eroberte eine Gruppe der ungarischen Stämme unter der Führung von Lél die heutige Südwestslowakei (siehe Neutraer Fürstentum).

In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts bestanden die von Ungarn beherrschten Gebiete aus einer Reihe von ungarischen Stammesgebieten, von denen jenes der Hauptlinie der Árpáden, also der Kern des späteren ungarischen Staates, nur im nördlichen Transdanubien lag. Seit etwa den 1070er Jahren war die Lage den vorhandenen Quellen zufolge so, dass den Árpáden neben dem bereits genannten Gebiet noch die Lehnfürstentümer von Neutra und von Bihar sowie das von Verwandten regierte Siebenbürgen indirekt unterstanden. Die restlichen Gebiete wurden von feindlich gesinnten ungarischen Stammesführern beherrscht und erst später von König Stephan sukzessive erobert und geeint. Allerdings regierten die Ungarn kein ethnisch homogenes Land. Die unterworfenen slawischen und germanischen Völker im Land waren ein wesentlicher Bestandteil der ungarischen Heere und des Staatsapparates, was sich durch die zahllosen slawischen und deutschen Lehnworte im Ungarischen nachvollziehen lässt.

Die Verteidigung der ungarischen Gebiete musste sich hauptsächlich nach Osten und Norden richten, da die Magyaren ihre Angriffe und Feldzüge stets nach Westen ausführten, oft als Verbündeter eines westlichen Staates. Im 10. Jahrhundert bestimmten diese Feldzüge die gesamte ungarische Außenpolitik. Sie beschafften sich durch Raub- und Beutezüge durch ganz Europa Luxusartikel und teure Waren – darunter auch Gefangene. Die Heere westlicher Staaten bestanden zur damaligen Zeit größtenteils aus schwer gepanzerter Reiterei, während die Reiter der Magyaren schnell und immer beweglich waren, ein Vorteil, der lange Zeit ihren Erfolg garantierte. Ihre Taktik war für die damalige Zeit recht außergewöhnlich: Sie versuchten das Heer des Gegners einzukreisen und vom Pferd aus mit Pfeilen zu beschießen. Nach einer Zeit täuschten sie die Flucht an, um sich dann im Überraschungsmoment umzudrehen und den Gegner so in die Falle zu locken. Mit dieser Taktik gelang es ihnen viele, auch kulturell und technisch hoch entwickelte Regionen Europas zu plündern. Auch andere Faktoren begünstigten die Erfolge der Magyaren: Die zermürbenden Kriege der einzelnen europäischen Staaten untereinander, aber auch der von innen schwächelnde Feudalismus. In Ungarn bewirkten die Streifzüge eine weitere Differenzierung der Bevölkerung. Die Führungsschicht des Staates wurde immer vermögender, hauptsächlich durch Kriegsbeute wie Silber, Tiere und teure Stoffe, später auch durch Tributzahlungen.

Auch 933 wollten die Ungarn vom ostfränkischen König Heinrich I. Tribut verlangen und zogen gegen das Ostfrankenreich in den Krieg. Heinrich rechnete aber mit einem Angriff und konnte eine starke Streitmacht aufbieten. In der Schlacht bei Riade wurden die Ungarn geschlagen. Der Glaube an die Unbesiegbarkeit der Ungarn war erschüttert. Allerdings gingen die Raubzüge der Ungarn weiter. Erst mit der vernichtenden Niederlage 955 bei der Schlacht auf dem Lechfeld nahe Augsburg wurde den Ungarn Einhalt geboten. Nach dieser Schlacht wurden drei ungarische Führer (Bulcsú, Lél, Súr), die in Gefangenschaft geraten waren, gehängt, Österreich fiel wieder an die Ostfranken und das Neutraer Fürstentum an die Árpáden.

Außenpolitisch wurde infolge dieser Niederlage ein neuer Kurs eingeschlagen. Der neue Großfürst Taksony setzte den Angriffen im Westen ein Ende. Er war bereit, auch unter Inkaufnahme von Gebietsverlusten, den Frieden mit dem Ostfrankenreich aufrechtzuerhalten. In südlicher Richtung gingen die Angriffe unterdessen aber weiter. So stellte Byzanz die Tributzahlung an Ungarn ein, so dass sich Taksony 959 für einen Feldzug gegen Byzanz entschied, der erst 11 Jahre später entschieden wurde. Die Magyaren konnten, selbst im Bündnis mit Petschenegen, Bulgaren und Russen, die entscheidende Schlacht bei Arkadiupolis nicht für sich entscheiden und mussten sich geschlagen geben. Damit war das Ende der Streifzüge der Magyaren besiegelt, Großfürst Géza (949–997), der den Thron von seinem Vater Taksony geerbt hatte, sah sich gezwungen, die Angriffe einzustellen, da ansonsten die Großmächte Europas Ungarn angegriffen hätten. Er musste sich auch Problemen im Inneren zuwenden. Die Streifzüge als Einnahmequelle waren versiegt, weshalb andere Einnahmen erschlossen werden mussten. Die außen- und innenpolitische Lage machten eine Staatsgründung immer dringlicher.

Géza und sein Sohn Vajk (Stephan I.) holten ostfränkische Missionare und Ritter ins Land, auch Missionare aus Byzanz, und bauten eine Verwaltung auf. Mit dem gewachsenen Anhang schalteten sie innere Rivalen (Koppány) aus, so dass sich Stephan I. im Winter 1000/1001 zum König krönen lassen konnte.

Mit der Herrschaft Stephans I. begann die Christianisierung des Landes. 1030 wehrte er den Angriff des römisch-deutschen Kaisers Konrad II. ab und sicherte so die Existenz seines Staates. Stephan I. wurde im Jahr 1089 heiliggesprochen. 1102 kam durch Personalunion das Königreich Kroatien zu Ungarn.

Ungarns Innenpolitik wurde in den folgenden Jahrhunderten vom Kampf zwischen dem König und dem Hochadel bestimmt, der im 13. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte. Die Außenpolitik Ungarns war von weitreichenden Heiratsbündnissen geprägt und bekam nach dem Machtverfall von Byzanz ab 1180 auf der Balkanhalbinsel den Charakter einer Großmachtpolitik.

Im Jahr 1241 verwüsteten die Mongolen unter Batu Khan nach ihrem Sieg in der Schlacht bei Muhi das Land und töteten etwa die Hälfte der Einwohner, so dass König Béla IV. (1235–1270) wieder viele deutsche Einwanderer ins entvölkerte Land holen musste, die hauptsächlich in Siebenbürgen (siehe Siebenbürger Sachsen) und in der heutigen Slowakei angesiedelt wurden. Nach dem Mongolensturm erweiterten die ungarischen Oligarchen ihre Macht, die schließlich zum Entstehen der Ungarischen Kleinkönigtümer nach dem Tod von König Andreas III. im Jahre 1301 führte. In den 1320er-Jahren beendete König Karl I. Robert in einer Reihe von Feldzügen die Macht der Oligarchen und stellte die Zentralmacht wieder her.

Unter König Matthias Corvinus (1458–1490) erreichte Ungarn seine grösste Ausdehnung und umfasste kurzzeitig auch Ostösterreich, Mähren und Schlesien. Ungarn war im 15. Jahrhundert ein geistiges Zentrum in Europa und verfügte u.a. über die zweitgrösste Bibliothek nach derjenigen des Vatikans.

1453 eroberten die Osmanen (Türken) das byzantinische (oströmische) Reich und stiessen in der Folge immer weiter auf den Balkan vor. Zentralungarn wurde als Provinz direkt ins Osmanische Reich eingegliedert. Das damalige Fürstentum Siebenbürgen – das seit den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts Rumänien zugeschlagen wurde und bis heute eine starke ungarische Bevölkerungsminderheit hat, wurde ein osmanischer Vasallenstaat. Der Rest des Königreichs Ungarn, bestehend aus dem Burgenland (Ostösterreich), einem schmalen Streifen im Westen Ungarns, dem Westen Kroatiens, der Slowakei und Nordungarn fielen als Erbe an die Habsburger.

Faktisch hatte Ungarn damit seine staatliche Selbständigkeit verloren, obwohl die Habsburger rein formell den Titel des ungarischen Königs nicht abschafften, sondern einfach für sich beanspruchten und sich sowohl als Könige von Österreich wie auch als Könige von Ungarn krönen liessen. Haupstadt des habsburgischen Ungarn war Bratislava (Pressburg), die heutige Hauptstadt der Slowakei.

Ungarn blieb lange Zeit das Schlachtfeld zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburger Monarchie.